Hannover – 18. Februar 2013. Der Standort Niedersachsen ist sehr attraktiv. 94 Prozent der Industrie- und industrienahen Dienstleistungsunternehmen würden sich bei freier Standortwahl wieder für Niedersachsen entscheiden. Das ist das zentrale Ergebnis einer neuesten Unternehmensbefragung. Im Auftrag von NiedersachsenMetall haben Wissenschaftler des IW Consults 250 niedersächsische Industrie- und industrienahe Unternehmen (Logistik, Verkehr, IT, Handel, etc.) befragt.
Bemerkenswert ist, dass 1 Euro Wertschöpfung in der Industrie weitere 50 Cent Wertschöpfung in Dienstleistungsunternehmen bewirkt. „Dies zeigt einmal mehr, die Industrie ist das Rückgrat des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Und jede politische Strategie, die dies glaubt ignorieren zu können und auf Deindustrialisierung hinausläuft, wie seinerzeit in Großbritannien, verkennt diese grundlegenden Zusammenhänge“, so Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer der im Haus der Industrie zusammengeschlossenen Arbeitgeberverbände.
Niedersachsen ist ein Industrieland

Die niedersächsischen Industriebetriebe sind im Durchschnitt größer und umsatzstärker als in Deutschland insgesamt. Rund 19 Prozent der Wertschöpfung in Niedersachsen werden in der Industrie erwirtschaftet. Die Industrie schafft gut bezahlte Jobs: Die Einkommen liegen mit 46.327 Euro deutlich über dem Durchschnittsniveau (33.573 Euro über alle Wirtschaftszweige). 90 Prozent der Exporte Niedersachsens gehen auf das Konto der Industrie. Sie ist das Tor zur Welt und eröffnet die Möglichkeit, von den weltweit wachsenden Märkten zu profitieren. 86 Prozent der Ausgaben für Forschung und Entwicklung werden von diesen Unternehmen getätigt. Dr. Schmidt: „Die Industrie ist somit Motor für die Generierung von Wissen – dem wichtigsten Rohstoff des Industriestandortes Deutschland.

Standortzufriedenheit
Die befragten Unternehmen in Niedersachsen verbinden mit ihrem Standort insgesamt eine hohe Zufriedenheit. Im Mittel sind mehr als zwei Drittel aller Unternehmen mit der Qualität der jeweiligen Standortfaktoren zufrieden. Es gibt jedoch zwischen den einzelnen Faktoren größere Unterschiede. So sind fast ausnahmslos alle Unternehmen mit ihren Kunden, Zulieferern und Partnern in der Region zufrieden. Auch die bestehenden Netzwerke zwischen den Unternehmen sowie die Gewährleistung der Energieversorgung finden mit 80 bis 88 Prozent Zufriedenheit hohe Zustimmungswerte. Das lässt auf intakte Wertschöpfungsketten schließen. Auch die Energieversorgung wird noch als Pluspunkt gewertet.

Verbesserungspotentiale bestehen bei der Versorgung mit Fachkräften und dem Angebot an qualifizierten Bewerbern für Ausbildungsplätze. Im besonderen Maße gilt das für die Industrie. Nur ein Drittel ist mit der derzeitigen Verfügbarkeit von Fachkräften zufrieden – bei den Dienstleistern liegt dieser Anteil bei nur knapp 50 Prozent. Dr. Schmidt: „Im Mangel an Fachkräften und qualifizierten Bewerbern wächst ein Problem heran, das für viele mittelständischen Betriebe auf lange Sicht von existentieller Bedeutung werden kann.“
Wirtschaftsförderung mit Verbesserungspotential
Nur etwas mehr als zwei Fünftel der Unternehmen sind mit den Angeboten zufrieden. Auf die Agenda der Daueraufgaben gehört auch das Verwaltungshandeln – das signalisiert die relativ niedrige Zufriedenheitsquote von nur 56 Prozent. Dr. Schmidt: „Dies überrascht angesichts der Entbürokratisierungsoffensive, mit der die frühere Landesregierung gleich 2003 angetreten war. Zehn Jahre später müssen wir feststellen, dass hier gleichwohl erheblicher Handlungsbedarf gesehen wird. Bemerkenswert auch, dass mit der staatlichen Wirtschaftsförderung nicht einmal die Hälfte der Unternehmen zufrieden ist. Hier ist weniger die absolute Höhe ein Kritikpunkt, es werden vielmehr mangelnde Transparenz und Unübersichtlichkeit beklagt. Wir sehen hier ein wichtiges Handlungsfeld der neuen Landesregierung.“

Bildung und Innovation
Den Themen Bildung und Innovationen wird von den befragten Unternehmen eine überdurchschnittlich hohe Bedeutung zugemessen. Zugleich sehen sie hier den stärksten Unterstützungsbedarf durch die Landespolitik. Das gilt insbesondere für Maßnahmen im Bereich Fachkräfte. Noch stärker ausgeprägt ist dieser Wunsch in der Industrie und bei den größeren Unternehmen. Dr. Schmidt: „Wie an einem roten Faden erkennt man hier, dass der Themenkomplex Know-how, sprich Fachkräfte, Forschung und Entwicklung, Aus- und Weiterbildung dominant ist.“
NiedersachsenMetall begrüßt das Eintreten der neuen Landesregierung für eine Fachkräfteinitiative und Fachkräftesicherungskonzept für Niedersachsen. Dr. Schmidt: „Mit der Absicht, verstärkt junge Frauen für MINT-Berufe zu begeistern, läuft die neue Landesregierung bei uns offene Türen ein.“ Dies gelte auch für das klare Plädoyer für die „Offene Hochschule“. Dr. Schmidt: „Als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Servicestelle Offene Hochschule hat mich dieses Bekenntnis gefreut. Wir sollten den erfolgreichen Kurs fortsetzen.“
Wirtschaftsförderung / Hybride Wertschöpfung
Die Wissenschaftler haben im Rahmen des IW Zukunftspanels aufgezeigt, dass Unternehmen, die Forschung- und Entwicklung betreiben, ein internationales Geschäft haben, innovativ sind und mit der Wissenschaft zusammenarbeiten überdurchschnittlich erfolgreich sind. Längst nicht alle Unternehmen sind mit diesen Erfolgsfaktoren ausgestattet. Schmidt: „Die Politik hat hier eine Gestaltungsaufgabe. Neben der Unterstützung gehören auch Informationen und Überzeugungsarbeit dazu.“ Erfahrungen überdurchschnittlicher erfolgreicher Unternehmen sollten genutzt werden. Das gilt beispielsweise für hybride Geschäftsmodelle. Dr. Schmidt: „Wir empfehlen der Landesregierung, insbesondere im Hinblick auf die Orientierung an Clustern auch stärker Aspekte der sogenannte Hybriden Wertschöpfung aufzunehmen. Die künftige Wirtschaftsförderung sollte die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigen, das heißt auch produktbegleitende Dienstleistungen stärken.“
NiedersachsenMetall lehnt Eingriff in die betriebliche Entscheidungshoheit ab
Nicht nachvollziehbar ist aus Sicht von NiedersachsenMetall, dass nach dem Willen der neuen Koalition Wirtschaftsförderung und öffentliche Auftragsvergabe nur noch an Unternehmen erfolgen sollen, die vorgegebene Quoten für Zeitarbeit, Mini-Jobs und befristete Arbeitsverhältnisse einhalten. Betriebliche Flexibilität, so die Arbeitgeber, seien heute unverzichtbarer denn je, weil die Entwicklung von Auftragseingängen und Produktion in der Industrie immer weniger planbar wird. Dr. Schmidt: „Dies haben wir 2008/2009 erlebt, als das Gros unserer Industrie über Nacht einen Großteil ihrer Aufträge verlor. Und wir sehen es seit Anfang 2012, als die Branchenentwicklungen begannen wie selten zuvor auseinanderzulaufen.“
NiedersachsenMetall lehnt den Eingriff in die betriebliche Entscheidungshoheit entschieden ab, wenn Betriebe nunmehr von Wirtschaftsfördermaßnahmen ausgeschlossen werden, die quotale Vorgaben des Wirtschaftsministeriums für den Anteil von Zeitarbeitnehmern überschritten haben. „Die künftige Landesregierung begeht einen Fehler, wenn sie dringend notwendige flexible Instrumente der Unternehmen politisch stigmatisiert. Dies hätte ohne Zweifel auch Rückwirkungen auf Investitionen und Standortentscheidungen.“
Steuerpolitik / Vermögensteuer
Die Metallarbeitgeber halten die Absicht der Landesregierung, eine Vermögenssteuer einzuführen für einen ebenso falschen Schritt wie die geplante Anhebung des Einkommen-Spitzensteuersatzes auf 49 Prozent. „Bereits das gegenwärtige Steuerrecht verzerrt Investitionsentscheidungen erheblich, weil es die Bildung von Eigenkapital gegenüber Fremdkapital diskriminiert“, so Hauptgeschäftsführer Dr. Schmidt. „Eine Vermögenssteuer wird vor allem den Mittelstand belasten. Sie wird als Gerechtigkeitshammer verkauft und suggeriert, man würde die Reichsten der Reichen treffen. Das glatte Gegenteil ist der Fall.“
Demografie
NiedersachsenMetall begrüßt das klare Bekenntnis der neuen Landesregierung, die Herausforderungen des demografischen Wandels anzunehmen und dabei den Gedanken der Sozialpartnerschaft hervorzuheben. Dr. Schmidt: „Ich betone dies ausdrücklich als Aufsichtsratsvorsitzender der Demografieagentur Niedersachsen und spreche hier auch für meinen Co-Aufsichtsratsvorsitzenden Hartmut Tölle, den Vorsitzenden des DGB.“
Werner Fricke
0172-5105912